Ein paar Überlegungen zur Frage: Was bedeutet eigentlich „sozial“?

Wenn man sich an den Grundtugenden seit der Antike orientiert:
– Wissen (Weisheit)
– Handlungsfähigkeit (Stärke)
– Selbstbeherrschung (Mut)
– Mitgefühl (Milde)

steht das Soziale wohl für das Mitgefühl, bzw. die Milde oder das Interesse an dem Wohlergehen eines anderen.

Nun stellt sich natürlich, die Frage, was einen Menschen dazu bewegen kann sich für das Wohlergehen eines anderen zu interessieren.

1. Zunächst könnte jemand einen inneren Antrieb haben, sich um das
Wohlergehen eines anderen zu kümmern. Das könnte falls es der Weitergabe der
Gene dient schon ein darwinistischer Vorteil sein. Natürlich muss nicht jeder Trieb
einen Vorteil bringen. „Böse Zungen“ nennen das dann ein Helfersyndrom. 🙂
2. Ein anderer Grund wäre es, dass man einen indirekten Vorteil dadurch hat, sich um
das Wohl eines anderen zu sorgen. Zum Beispiel da jemand einer Person wichtig ist,
die einem selbst wichtig ist.
3. Noch ein Grund ist, dass man jemanden unterstützt, solange es nötig ist,
damit derjenige sich nicht gegen einen wenden muss oder einem später einmal selbst
hilft.
4. Natürlich kann man sich selbst auch in so einer guten Situation befinden, im
Verhältnis zu einem anderen, dass sich ein Unterstützen nicht lohnt, bzw. mehr
Kosten als Nutzen verursacht. Oder man „hat“ das Gegenteil eines
„Helfersyndroms“. 🙂
Dann benötigt man schon die transzendente Ebene, um einen Vorteil im
Unterstützen zu sehen.
Bis Kant konnte man sich da auf die religiöse Beurteilung des eigenen Handelns
durch Gott nach dem eigenen Tod „berufen“. Gläubige Menschen können das immer
noch, wobei die „Lutheraner“ da mehr an einen großmütigen Gott glauben, dem es
reicht wenn man glaubt. Die Katholiken und andere Religionsangehörige glauben da
mehr, dass man einem festen Wertekanon folgen muss, wobei die Überlieferung
dieser Wertekanons auch leider oftmals sehr unsoziale Elemente enthalten. Da
sollten sich die Gläubigen dann Fragen, ob dass wirklich von Gott stammt oder doch
ein menschlicher „Übernahme“ Fehler ist. Eventuell „mag“ es Gott auch nicht wenn
man ihm unsoziale Überzeugungen unterstellt. Oder wenn man seine
„Großmütigkeit“ überschätzt, das sollten dann auch die „Lutheraner“,
„Protestanten“, etc. berücksichtigen.
Wem der Glaube alleine als sozialer Antrieb noch nicht reicht, kann sich noch auf die
philosophische „Originalposition“ berufen.
Die besagt, dass man, in einer neuen Situation, ohne Vorkenntnisse, nicht weiß in
welcher Situation man sich dort dann befinden kann und man sich daher für eine
Chancengleichheit und das Wohlergehen aller einsetzen sollte
(John Rawls hat das etwas schöner aber auch umfangreicher formuliert).
Denn jemand der nicht an den Einzug in den „Himmel“, mit oder ohne „Prüfung“
und „Fegefeuer“ direkt nach dem Tod glaubt, für den bleiben ja nur die Optionen,
dass dann „Nichts“, oder ein neues „Leben“ kommt. Und eventuell ist ja alles aus
dem „Nichts“ entstanden. Dann können sich auch diejenigen, welche glauben das
nichts mehr kommt nicht sicher sein, dass nicht doch nochmal was kommt.
In all diesen Fällen greift dann die „Originalposition“.
Also die Unkenntnis darüber, in welcher Position bzw. Situation man sich im
nächsten Augenblick bereits befinden kann.
Das sollte dann eigentlich als Rechtfertigung für soziales Verhalten reichen.

Aus all diesen Motivationen (bzw. eventuell schon aus einem der zuerst genannten Gründen, aber das ist privat) heraus, bin ich für ein System der gegenseitigen Existenzabsicherung und eines fairen finanziellen Ausgleiches, zunächst in Europa und dann, falls dies sicher genug möglich ist und man sich einig wird auch mit dem Rest der Welt.
Für die Europawahl 2019 haben solch ein Programm für ein zumindest schon mal soziales Europa von den großen Parteien, nach meiner Meinung, leider nur die SPD, die Grünen und die Linke im Angebot.
Und bei der SPD und den Grünen halte ich es für wahrscheinlicher, dass man hier ein tragfähiges und nachhaltiges System auf die Beine gestellt bekommt, ohne sich zu übernehmen.
Und bei der Wahl der SPD halte ich es für am wahrscheinlichsten, dass wir einen EU- Kommissionspräsidenten bekommen, der sich für die Werte „Sozial“, „Sicher“ und „Standhaft“ (im Sinne von international bestehen können), jeweils mit Geltung nach innen und außen einsetzen wird, da die anderen „sozialen“ Parteien wohl keine Chance auf die relative Stimmenmehrheit haben, die wohl für die Wahl des EU-
Kommissionspräsidenten, von den Regierungen der EU- Mitgliedstaaten, als ausschlaggebend angesehen wird.

Nachtrag vom 15.05:
Nach neusten Aussagen ist die relative Stimmenmehrheit wohl doch nicht so entscheidend, also sollte dieser Punkt bei der Wahl, welche „soziale“ Partei man wählen möchte keine Rolle spielen.

Fazit: „Sozial“ bedeutet für mich sich aus einem, mehreren oder allen der genannten Gründen für das Wohlergehen der anderen einzusetzen.

Wohlergehen ist aber natürlich vor allem eine Empfindung.
Für sich selbst könnte man daher das Ziel fassen danach zu streben, sich dabei Gut zu Fühlen, dass zu tun, was man tun muss um sich auch noch in Zukunft Gut zu fühlen.
Oder anders formuliert: Der Weg ist das Ziel. Und „fühl“ dich gut auf dem Weg.